Dienstag, 11. März 2014

Django Unchained Filmkritik

Folgender Text zu Quentin Tarantinos Django Unchained konnte im Januar 2013 leider nicht in der Südwest Presse Ulm veröffentlicht werden. Heute erblickt er hier das Licht der Öffentlichkeit:

Da der Kinomarkt heute von anderen Trends beherrscht wird, kommt man nur noch selten in den Genuss, einen echten Western im Kino erleben zu dürfen. Mit „Django Unchained“ belebt Quentin Tarantino den Django-Mythos neu und huldigt damit seinem Idol Sergio Corbucci.

Der Plot ist wie im Italo-Western üblich einfach gehalten und für die Verhältnisse des Regiewunderkinds Tarantino (Pulp Fiction 1994,  Inglourious Basterds 2009) erstaunlich linear erzählt. Der ehemalige Sklave Django geht mit Exzahnarzt Dr. King Schultz im Winter auf Verbrecherjagd, dieser wiederum hilft Django dabei, dessen lang gesuchte Frau Broomhilda aus der Gefangenschaft durch den schmierigen Plantagenbesitzer Calvin Candie zu befreien. Nicht eine ausgeklügelte Geschichte steht hier im Vordergrund sondern der raffinierte Umgang mit Filmzitaten. So mischt Tarantino bewährte Facetten des Italo-Westerns wie mitunter übertriebene Brutalität, bildgewaltige Kamerarbeit, sowie einen knallig-poppigen Soundtrack, bei dem etwa die Titelmelodie aus dem originalen Django-Film von 1966 gleichwertig neben Hip Hop Beats des verstorbenen Rappers Tupac Shakur steht. Ein weiterer nicht zu leugnender Einfluss für den Film ist sicher das amerikanische Blaxploitation-Kino der 1970er. Der Regisseur stellt die menschenverachtende Behandlung afroamerikanischer Sklaven in den Vordergrund, was sich in Candies perfider Freizeitbeschäftigung zeigt. So lässt der Schurke seine Sklaven in einer Art Gladiatorenkampf gegeneinander antreten. Dieses Vorgehen von amerikanischen Sklavenbesitzern des 19. Jahrhunderts ist jedoch historisch nicht nachweisbar und so holte sich Tarantino eine erste Kritikerschelte von seinem afroamerikanischen Regiekollegen Spike Lee, der per Twitter verkündete: „American slavery was not a Sergio Leone spaghetti western […].“ Trotzdem gelingt die Gratwanderung zwischen „Western“ und „Southern“ einigermaßen.

Gleich zwei Oscarpreisträger führen an prominenter Stelle durch den Film: Jamie Foxx gibt den titelgebenden Protagonisten Django mit trainierten Muskeln und mimischer Zurückhaltung, Christoph Waltz` Dr. King Schultz ist eine skurrile Figur, die auch einem der traditionellen Italowestern hätte entspringen können. Leonardo DiCaprio als Djangos Gegenspieler Calvin J. Candie gibt einem das Gefühl, dass er sich in erwachsenen und düsteren Rollen besser gefällt als ein love interest für weibliche Teenies. Analog zum klassischen Spaghetti-Western der 1960er und 70er Jahre, der oft etablierte oder auch abgehalfterte amerikanische Westerndarsteller neben dem überwiegend italienischen Cast in Hauptrollen besetzte, bietet Tarantino eine ganze Riege von altgedienten Haudegen aus älteren wie neueren Western auf. James Remar (Longriders, 1979), Don Stroud (Sinola, 1972), Russ Tamblyn (Das war der wilde Westen, 1962) und Bruce Dern (Hängt ihn höher, 1968) stellen den Film in eine ungebrochene Kontinuität zu einem Genre, dass in diesem Jahr seinen 110. Geburtstag feiert. Geradezu unvermeidbar scheint da der Cameoauftritt von Ur-Django Franco Nero himself!  

„Django Unchained“ ist weder Tarantinos neues Meisterwerk noch der ultimative Neo-Western. Aber es ist ein Film, der in spektakulären Bildern von der Liebe seines Regisseurs zum Genrekino Zeugnis ablegt und dem Publikum beweist: Django lebt und die Geschichte des Western ist noch lange nicht zu Ende erzählt.


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